Gitarre aktuell 2005

Zum 20-jährigen Jubiläum des Gitarrenbauers Ermanno Chiavi in Zürich 2005

 

Soll man ein Jubiläum nun feiern oder  nicht? Und in welchem Rahmen – privat oder öffentlich? Wir haben Ermanno Chiavi zu einem kleinen Fest in der Altstadt von Zürich ermutigt, in den Räumen des Neumarkt-Theaters in einem wirklich alten Haus aus dem Jahre 1309. Angesichts dieser Zahl wirken 20 Jahre geradezu kurz... sind aber lang!

Jedenfalls im persönlichen Leben. 150 Instrumente hat Chiavi in dieser Zeit angefertigt. Und das war eine der Ideen dieses September abends: Freunde und Kunden zu bitten, Ihre Instrumente mitzubringen, sozusagen zu einem hölzernen Familientreffen. Das ist auch für den Erbauer schön. Er weiss zwar, wann er für wen welche Gitarre gemacht hat – aber was aus diesen Kindern geworden ist, bleibt oft im Verborgenen. Auf diese Weise fanden 30 Instrumente zur Quelle zurück: 6saitige,7-, 8-, 10- und 13saitige Gitarren, Quint- und Oktavinstrumente, Kindergitarren, die sich beim Apéro vor dem Konzert im Rampenlicht sonnten.

Dann der Höhepunkt des Abends: ein Konzert mit dem italienischen Star-Gitarristen Carlo Marchione. Im kleinen Konzertraum mit Platz für 120 Besucher war ein Projektor installiert, der in ruhigem Fluss Bilder aus Chiavis Werkstatt projizierte und uns viele Details aus dem Gitarrenbaualltag vor Augen führte. Marchione spielte im ersten Teil Telemann, Scarlatti und die Ciaccona von Bach, im zweiten ein grosses Werk des italienischen Komponisten Simone Iannarelli (*1970) – „Three’Miles’ Sketches“ (2004). Danach zeitlich wieder ein Sprung zurück mit Giulianis „Rossiniana Nr.1“. Und als Zugabe ein sehr lyrisches Stück von Enrico Morricone. Alles hochvirtuos und hochsensibel vorgetragen, jeden Rhythmus lustvoll und kristallklar ausgearbeitet, jede Phrasierung vor den Zuhörern in allen erdenklichen dynamischen und klangfarblichen Nuancen ausgebreitet. Carlo Marchiones inniges Spiel verfehlte ihre Wirkung nicht an diesem eigentlich spätsommerlichen Abend, obwohl der Herbst seine Türen schon geöffnet hat.Während des Essens danach (Gitarrenbauer mit italienischer Herkunft, italienischer Gitarrist, und was gab es wohl – na was?) setzte sich der Schwung noch fort und man ging guter Dinge nach Hause.

Am nächsten Tag fand ein sonntäglicher Meisterkurs mit Marchione statt, in denRäumen eines bekannten Zürcher Musikhauses, direkt neben dem Schauspielhaus (nebenbei bemerkt auch ein geschichtsträchtiger Ort, an dem viele Stücke von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt uraufgeführt wurden). Der Unterricht war intensiv und inspirierend; jedes Werk wurde enorm kenntnisreich und detailliert besprochen und alle Varianten 1:1 vorgespielt. Wahrscheinlich ist die grösste Schwäche von Marchione, dass er gar nicht anders kann, als jedes Werk sofort auswendig zu kennen... bleibt noch zu sagen: Herzlichen Dank an Ermanno Chiavi und Carlo Marchione für diesen schönen Anlass

Oliver Primus