Der Tüftler aus dem lndustriequartier

Der Bündner Ermanno Chiavi baut in Zürich Gitarren, welche die Fachwelt begeistern Der Puschlaver Ermanno Chiavi ist seit 20 Jahren eine feste Grösse in der Schweizer Musikszene. Er macht jedoch nicht als Musiker von sich reden, sondern als Gitarrenbauer. Heute feiert er in Zürich Jubiläum.

• VON FRANCO BRUNNER  Der Weg in das Atelier des 49-jährigen Bündners, bei der Maag Event Hall in Zürich, entpuppt sich als wahrer Irrgarten. Schmale Treppen schlängein sich in die Höhe. Man durchquert die engsten Winkel der Arbeitsräume von anderen Kunstschaffenden im Gebäude, bis man plötzlich, ganz am Ende, inmitten der kleinen, aber feinen Werkstätte des Gitarrenbauers steht. Der Meister selbst ist am Werk, und man traut sich .fast nicht, ihn zu stören. Doch mit einem einladenden Lächeln wird man hineingebeten. «Das mag ich eben an diesem Arbeitsklima hier», erklärt Chiavi. «Man ist zwar schön abgeschieden, doch dank der Arbeitsgemeinschaft trotzdem nicht alleine»> Es ist immer etwas in Bewegung, genau wie Chiavis Gedanken über den Bau der nächsten Gitarre. Vom Flicken zum Bauen Ermauno Chiavi begann im Alter von 29 Jahren mit dem professionellen Gitarrenbau. Nach vielen gesammelten Erfahrungen, wie zum Beispiel in seinem ersten Beruf als Primarlehrer, als Kinder- und Behindertenbetreuer, sowie als Kulturanimator für Pro Helvetia, verschiug es ihn für einige Semester an die Jazzschule nach Bem. Doch ihm wurde schnell klar, dass er kein Musiker ist. So kam er, über das Reparieren zahlreicher Instrumente, in Kontakt mit verschiedenen hochklassigen Gitarren. «Jedes Instrument ist ein Gebilde, das aus einer Art besonderen Sprache entwickelt wurde, und diese gilt es zu verstehen», erzählt Chiavi. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass er im zarten Alter von zwölf Jahren, seine erste eigene Gitarre dann~ • auch gleich selber herstellte. Mittlerweile ist er zu einem Meister seines Fachs geworden. Die Warteliste für den Bau einer echten «Chiavi» beträgt daher nicht selten über ein Jahr. Im Schnitt liegt knapp ein Monat Arbeit in solch einer Gitarre, welche dann auch schon mal den stolzen Preis von 8000 bis 12 000 Franken kosten kann. Chiavi nimmt immer nur ein neues Projekt - sprich eine Gitarre nach der anderen - in Angriff. Anders wäre es vielleicht wirtschaftlicher, doch dies entspricht nicht dem Naturell des Gitarren-<Virtuosem>. Er konzentriere sich immer nur auf eine Arbeit, damit diese auch so perfekt wie möglich gelinge. Schlichte Handarbeit Gelernt hat der Bündner sein Handwerk im Ausland. Die Deutschen Gerold Hannabach und Margarete Brunswicker waren seine Mentoren. «In der Schweiz hat der Beruf des Gitarrenbauers keinen Status», sagt Chiavi resigniert. In der Tat, Gitarrenbauer ist in der Schweiz kein anerkannter Beruf. Doch auch in Deutschland war es nicht einfach. Zuerst bekam Chiavi das Angebot, Hannabachs Reparaturkurse zu besuchen, bevor er eine selber finanzierte Aa[ehre beginnen durfte. Mittlerweile hat sich so einiges verändert. Die Maschinen und die Klangforschung wurde immer besser, doch gemäss Chiavi ist beIm Bauen einer Gitarre der Anteil an Handarbeit, an Körperarbeit - sehen, hören, tasten immer noch das Wesentliche. Immer Herausforderungen  Das Design seiner Gitarren ist schlicht und klassisch und der Ton transparent und neutral. «Eines meiner wichtigsten Ziele ist es», fährt der Maestro fort, «ein Instrument zu bauen, das in einem gewissen Sinne schlicht ist, aber hochgradig reakti: onsfähig»> Bei diesen Erläuterungen merkt man, dass auch nach 20 Jahren seine Leidenschaft noch nicht erloschen ist. Ein weiteres Beispiel seiner stetigen Weiterentwicklung - oder wie er es nennt, den Prozess der Verbesserung - ist das vor zwei Jahren lancierte Projekt einer 13-saitigen Gitarre. Beim Auftrag des schwedischen Musikers Anders Miolin, wagte sich Chiavi in völlig unbekannte Sphären. Doch auch diese Spezial-Gitarre mit einem Tonumfang von Fünf Oktaven stellt den Handwerker nicht vor allzu gr0sse Probleme. Das Projekt wurde realisiert und ein voller Erfolg. Nicht nur, dass er schon einige weitere solcher Gitarren herstellen durfte, sogar eiffe Forschungsgruppe der ETH Zürich, widmet sich diesem «Wahnsinnsinstrument». So ist er eben, der Bündner Gitarrenbauer aus Zürich: Keine Herausforderung ist zu gross, um nicht in Angriff genommen zu werden.