Kulturpreis

Preisgekrönte Klangwelten

Von Larissa Margot Bieler

Ermanno Chiavi begeistert mit seinen Gitarren Musiker, Komponisten und Wissenschaftler. Nun wird der 52-jährige Puschlaver für seine innovative Entwicklungsarbeit mit dem Anerkennungspreis der Stiftung Bündner Kunsthandwerk ausgezeichnet.

„Gleich doppelte Freude", bereite ihm der Anerkennungspreis der Stiftung Bündner Kunsthandwerk - „weil die Auszeichnung aus Graubünden kommt". Der Autodidakt, der eigentlich Musiker werden wollte und an der Jazzschule in Bern plötzlich merkte, dass es bereits zu viele gute Gitarristen gibt, baute mit 29 Jahren seine erste Gitarre - in der Hand ein simpler Ratgeber: „Wie baue ich eine Gitarre?"

Heute sorgt der 52-jährige Bündner nicht nur in der Musikszene für Aufsehen. Auch die Wissenschaft horcht auf. Nach seinem grössten Coup, dem Bau einer 13-saitigen Gitarre, folgten Forschungsprojekte mit der ETH Zürich, der Hochschule für Technik in Rapperswil und der Technischen Hochschule in Berlin. Jüngst meldete sich ein Mathematikprofessor, der eine Formel an den Klangergebnissen von Chiavis Gitarren erproben will. 

Handwerker und Künstler

Chiavi versteht sich nicht nur als Handwerker, sondern vor allem auch als Künstler. Kunst sei eine Spiegelung des Jetzt - seine Arbeit, auch wenn von Traditionen geprägt, sei dem Hier und Heute verpflichtet. „Und heute klingen die Dinge eben anders als noch vor 200 Jahren", sagt er in seinem Atelier bei der Maag Event Hall im Zürcher Industriequartier. Seit 15 Jahren ist dies der Ort, an dem der Gitarrenbauer all seine Sinne entfaltet, um mit viel Sensibilität am Klangcharakter seiner Instrumente zu feilen. Der Puschlaver ist ein beharrlicher Tüftler, der dafür nun die mit 10 000 Franken dotierte Anerkennung erhält. „Chiavi hat auch nebem dem klassischen Handwerk stets neue und innovative Wege beschritten ", begründet Claire Hauser Pult, Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Bündner Kunsthandwerk die Vergabe.

Junger Visionär

In der Berner Jazzschule beerdigte Chiavi zwar einen Traum - nicht aber seine Leidenschaft. Nachdem er bereits als Primarlehrer, mit Behinderten und als Kulturanimator bei Pro Helvetia gearbeitet hatte, setzte der junge Bündner fort, was einst früh begann. Denn bereits als 10-Jähriger bastelte sich der Puschlaver eine Gitarre - „eine Art Balaleika", erinnert er sich lachend. Nicht unbedingt zur Freude seiner Mutter, die ihn lieber mit einer Handorgel gesehen hätte. Denn dafür gab es damals in Poschiavo einen Lehrer. Heute hängen sie zahlreich an seiner Atelierwand -eine echte Chiavi kostet mittlerweile den stolzen Preis zwischen 8000 und 12000 Franken.

Geheimnisvolles Gefüge

Gelernt hat Chiavi dann doch noch - während er in der Schweiz nur Absagen erhielt, nahm der deutsche Geigenbauer Gerold Hannabach ihn in die Anlehre - aber erst, als Chiavi anbot, seine Lehre vollumfänglich zu bezahlen. In seiner ersten Werkstatt hat er dann viel repariert und dabei die Instrumente bedeutender Spezialisten in die Hand bekommen. Fleta, Ruck, Romanillos, Friedrich, Rubio. „Ich habe gemessen und gestaunt", erinnert er sich. Heute aber erscheint es ihm fragwürdig, die Instrumente alter Meister eins zu eins nachzubauen. Denn jedes Instrument sei ein Gebilde, das aus einer Art besonderer Sprache entwickelt wurde, und eben diese gelte es zu verstehen. Und letztlich seien die physikalischen Eigenschaften der verwendeten Materialien und deren Zusammenwirken für die Klangbildung eines Instrumentes entscheidend, so der Bündner.

Oper von Derungs

Gitarren zu bauen, ist seine Lebensaufgabe: „Mein Klangideal ist mir zwar immer deutlicher vor Augen, bleibt aber in gewissem Sinne stets unerreicht". Erst nach dem Erfolg der 13-saitigen Gitarre habe er den Mut gefasst, auch grosse Schritte zu machen. Ein solch grosser Schritt ist  eine Oper von Martin Derungs, die der Komponist für die 13-saitige Gitarre komponierte und die dieses Jahr auf eine Schweizer Tournee gehen wird.  Vorerst aber fährt Chiavi nach Chur, wo ihm am 27. Januar in der Klibühni der Preis verliehen wird. Der Bündner Musiker Erwin Huonder begleitet die Feier - mit der 13-saitigen Gitarre notabene.